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Verschränkte Strukturen

15. September 2012

Rassismus und Kapitalismus haben eine gemeinsame Geschichte – und sind bis heute aufeinander angewiesen. Die Nutznießer beider Herrschaftssysteme leben im Globalen Norden, die Verlierer im Süden. Antirassistische Politik muss daher auch ökonomische Faktoren berücksichtigen. red.

Mostafa Akhtar und Dominik Köhler

Verschränkte Strukturen

Die globalisierte Wirtschaft im Kontext von Rassismus betrachtet

„Der Zucker würde zu teuer sein, wenn man die Pflanzungen, die ihn erzeugen, nicht von Sklaven bearbeiten ließe.“ (Charles de Montesquieu 1748)

Dieser Artikel ist ein Plädoyer dafür, Kapitalismus, oder generell wirtschaftliche Themen, stärker im Kontext von Rassismus zu betrachten. Es würde den Rahmen sprengen, die komplexen und vielschichtigen Verbindungen zwischen der heute existierenden kapitalistischen Wirtschaftsweise und Rassismus aufzuzeigen. Daher wollen wir exemplarisch und komprimiert anhand von drei Beispielen die strukturellen Verknüpfungen aufzeigen. Folgende Fragen haben wir uns dabei gestellt: Wie kam es zu den rassistischen Strukturen, z.B. in der internationalen Arbeitsteilung, die wir in der Weltwirtschaft beobachten? Welche Rolle spielen unsere eigene Wirtschaftsweise und unser Konsumverhalten?

Kolonialwirtschaft und Sklavenhandel

Der Hamburger Heinrich Karl von Schimmelmann (1724-1782) war einer der ersten deutschen Global Player. Er verdiente mit seinen Aktivitäten sowohl im Globalen Norden als auch im Globalen Süden viel Geld. Er handelte mit Sklaven und Waffen und besaß Plantagen sowie Schnapsbrennereien. Er nutzte die internationale Arbeitsteilung, um Profit zu machen. Von Wandsbek (heute ein Stadtteil von Hamburg), Schleswig-Holstein und Kopenhagen brachte er Baumwolle, Waffen und Alkohol an die Westküste Afrikas. Dort verkaufte er seine Waren und kaufte sich versklavte Menschen, die er dann nach Süd- und Mittelamerika bringen ließ. Allein Schimmelmanns Imperium ließ jährlich bis zu 80.000 Menschen als Sklaven verschiffen. Diese versklavten Afrikaner_innen wurden dann auf seinen Plantagen ausgebeutet und zum Anbau und der Produktion von Baumwolle, Zucker, Rum, Tabak, Indigo und anderer Kolonialwaren gezwungen. Im dritten Schritt importierte Schimmelmann die Kolonialrohstoffe nach Europa, wo er in seinen eigenen Baumwollfabriken, Zuckerraffinerien und Brauereien Produkte für den europäischen Markt herstellte. Aus Afrika importierte er direkt Gold, Elfenbein und auch versklavte Menschen, die er in Europa an adlige und reiche Menschen verkaufte.

Dieses Handelssystem wird meist als „Atlantischer Dreieckshandel“ bezeichnet. Nadja Ofuatey-Alazard macht darauf aufmerksam, dass dieser Begriff versklavte Menschen „in eine Verwertungskette mit ‚anderen Waren’“ einreiht und so zur Verschleierung der rassistischen Grundlagen des Sklav_innenhandels beiträgt. Dieses System beruht auf der Ausbeutung und Unterdrückung; es ist Grundlage einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung. Die industrielle Revolution wäre ohne diesen kolonialen Raub nicht möglich gewesen.

Die Reise einer Jeans

Die Jeans gilt heute als Inbegriff eines globalisierten Kapitalismus. Sie legt ungefähr 50.000 Kilometer zurück, bevor sie in unseren Kleiderschränken landet. Das schadet nicht nur der Umwelt, sondern greift auch auf eine ganz bestimmte Form der internationalen Arbeitsteilung zurück: eine Arbeitsteilung, die auf rassistischen Ungleichheiten beruht.

Die Produktion und Rohstoffgewinnung findet zum größten Teil im Globalen Süden statt, die Wertschöpfung allerdings im Globalen Norden. Anders gesagt, schuften Menschen im Globalen Süden unter gefährlichen und krankmachenden Bedingungen dafür, dass Modekonzerne und Einzelhandel in Deutschland mit wenig Aufwand hohe Gewinne erzielen können und Konsument_innen billig einkaufen können.

Während die Kolonialwirtschaft maßgeblich dazu beigetragen hat, die wirtschaftliche und politische Macht des Globalen Nordens aufzubauen, wurde der Rassismus nötig um die eigene Überlegenheit zu konstruieren und die Dominanz über den Globalen Süden zu rechtfertigen. Die imperiale Expansion, der Kolonialismus und die Entstehung des Kapitalismus verliefen nicht nur zufällig zeitlich parallel, sondern haben sich auch gegenseitig bedingt und beeinflusst. Auf diese Weise entstanden auch die ungleichen Lohn- und Arbeitsverhältnisse.

Denn was heute als „normal“ erscheint, nämlich dass eine Jeans über Kasachstan, China, Taiwan, Marokko und Bangladesch in unseren Kleiderschrank wandert und dabei nur ein Bruchteil des Kaufpreises in diese Länder zurückfließt, beruht auf tief in den Produktionsprozess eingeflochtenen rassistischen Strukturen. Die „Normalität“ unterschiedlicher Lohnniveaus zwischen Globalem Norden und Globalem Süden wird durch die Annahme Weißer Überlegenheit gerechtfertigt. Der Globale Norden beansprucht die bestbezahlten, hoch technisierten Arbeitsschritte für sich.

Die ungleichen Lohn- und Arbeitsverhältnisse zwischen Globalem Norden und Globalem Süden lassen sich natürlich nicht allein durch die rassistische Konstruktion von internationaler Arbeitsteilung erklären. Unter anderem tragen auch die niedrigeren Lebenshaltungskosten und die große Anzahl von verfügbaren Arbeitskräften im Globalen Süden dazu bei, dass viele Produktionsprozesse dorthin verlagert werden.

Die enge Verknüpfung von internationaler Arbeitsteilung und Kapitalismus lässt daher den Schluss zu, dass unser heutiges kapitalistisches Wirtschaftssystem an wichtigen Stellen Rassismus zur Legitimation von Ungleichheit, Unterdrückung und Dominanz benutzt. Die Rassismen, die bei der Produktion einer Jeans greifen, sind dafür nur ein Beispiel.

Neokolonialer Würgegriff

Die Dominanz des Globalen Nordens wird in den internationalen Organisationen der Weltwirtschaft (v.a. Internationaler Währungsfonds IWF, Weltbank, Welthandelsorganisation) konserviert. Länder des Globalen Südens sind „Zuspätkommer“ auf der politisch-ökonomischen Weltbühne. Sie mussten sich den Strukturen aus Staaten, privatwirtschaftlichen Unternehmen, Banken, internationalen Institutionen, Rechtsüberzeugungen und Werten des Globalen Nordens anpassen.

Die Strukturanpassungsprogramme des IWF und der Weltbank sind ein Druckmittel für diese Anpassung. Viele Länder des Globalen Südens versuchten, nachdem sie die Unabhängigkeit von den Kolonialmächten erlangt hatten, an ihrer benachteiligten Position etwas zu ändern und beschafften sich Kredite aus dem Norden um ihre eigene Infrastruktur zu stärken. Da die Märkte in den Ländern des Globalen Nordens gesättigt waren, waren Banken daran interessiert, auch in Länder des Südens Geld zu verleihen, welches wieder durch den Kauf von im Norden produzierten Waren zurückgeflossen ist. So wurden sie in eine erneute wirtschaftliche Abhängigkeit getrieben. Die Länder konnten die Kredite nicht mehr zurückzahlen, nachdem die Zinsen zu Beginn der 1980er Jahre massiv erhöht wurden. Sie landeten in der „Schuldenfalle“, was diese Länder noch ärmer und unfreier machte. Im Rahmen von „Entschuldung“ wurden durch den IWF und die Weltbank „Strukturanpassungsprogramme“ eingeführt, die unter den vorgeblichen Zielen von „Stabilität“ und „Wachstum“ massiv in die Entwicklung der Länder eingriffen.

Durch die Strukturanpassungsprogramme wurde Druck auf die Regierungen ausgeübt, existierende Handelsbeschränkungen und -kontrollen abzuschaffen sowie Anreize für den Export zu bieten. Des Weiteren wurde die Deregulierung von Märkten und Preisen verlangt, was auch die Abschaffung von Preissubventionen für Grundbedarfsartikel bedeutete. Zudem sollten öffentliche Unternehmen und Einrichtungen privatisiert werden. Die Strukturanpassungsprogramme verschlechterten allerdings die wirtschaftliche und soziale Lage und sind so letztlich ein neokolonialer Würgegriff.

Klasse und „Rasse“

Sklav_innenhandel, internationale Arbeitsteilung, Konsum, Strukturanpassungsprogramme – all diese vermeintlich voneinander unabhängigen Prozesse haben nicht nur zum Aufbau unseres heutigen Wirtschaftssystems beigetragen, sondern auch ein rassistisches System etabliert, das die Weltordnung mitbestimmt. Die strukturellen Verknüpfungen zwischen Kapitalismus und Rassismus sind zum einen aufgrund ihrer zeitlichen Nähe entstanden, zum anderen aber auch als Legitimations- und Reproduktionsgrundlage der Strukturen. Wir wollen daher dazu anregen, Kapitalismus und Rassismus stärker zusammenzudenken, also bei wirtschaftlichen Themen immer auch mitzudenken, inwiefern Rassismus eine Rolle zur Legitimation von Ungleichheit spielt. Aber wir plädieren auch dafür, in Debatten über Rassismus stärker ökonomische Faktoren mitzudiskutieren, anstatt auf der sozialen und kulturellen Ebene verhaftet zu bleiben. Rassismus hat nicht nur psychologische Auswirkungen auf Menschen, sondern prägt wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Klasse als Kategorie muss daher sowohl auf nationaler Ebene als auch international in rassismuskritischen Diskursen mitgedacht werden.

Literatur und Links

Ofuatey-Alazard, Nadja (2011): Die europäische Versklavung afrikanischer Menschen, in: Arndt, Susan/Ofuatey-Alazard, Nadja (Hrsg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache, Unrast-Verlag, Münster, S. 103-113.

Venn, Couze (2006): The Enlightenment, in: Theory, Culture & Society, Mai 2006, Vol. 23, No. 2-3, S. 477-486.

Butterwegge, Christoph/Lösch, Bettina/Ptak, Ralf (2007) (Hrsg.): Kritik des Neoliberalismus, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.

Butterwegge, Christoph/Hentges, Gudrun (2009) (Hrsg.): Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung. Migrations-, Integrations- und Minderheitenpolitik, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.

http://www.dergrosseausverkauf.de

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