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Vorwort der Redaktion

15. September 2012

Hallo, liebe Leser_innen!

Wir freuen uns, dass Ihr zu dieser Broschüre gegriffen habt. Vielleicht hat euch der Umschlag angesprochen, vielleicht der Titel neugierig gemacht. Wir hoffen, dass wir auch Euer Interesse am Inhalt wecken können und Ihr weiterblättert…

Wie ist die Broschüre „Wer andern einen Brunnen gräbt…“ zustande gekommen? Den Rahmen bildete ein Projekt des BER unter der Leitung von Jasmin Dean und Timo Kiesel. Ziel war es, anknüpfend an die erfolgreiche Broschüre „Von Trommlern und Helfern“ eine neue Broschüre für eine neue Zielgruppe zu erstellen: junge Leute, die von Themen wie (Post-)Kolonialismus, Empowerment, Rassismus, Entwicklungszusammenarbeit und Internationale Freiwilligendienste bewegt werden und ein Interesse haben, sich mit diesen Themen kritisch auseinanderzusetzen.

Deshalb war klar, dass auch das Redaktionsteam aus genau dieser Gruppe kommen muss. Unser Team besteht aus 10 jungen Leuten zwischen 23 und 28 Jahren und den beiden Projektleiter_innen. Wir leben in verschiedenen Städten Deutschlands und sind Schüler_innen und Studierende aus verschiedenen Fachrichtungen. Das Spektrum reicht dabei von Kindheitswissenschaften über Sozialwissenschaften und Tourismus bis hin zu Islamwissenschaften. Wir haben unterschiedliche gesellschaftliche Positionen und Perspektiven auf das Thema der Broschüre. So positionieren wir uns z.B. als People of Color oder Weiße, und auch bezüglich unseres Geschlechts, der Klasse und der sexuellen Orientierung verorten wir uns verschieden.

Wir alle setzen uns mit dem Thema Rassismus auseinander, allerdings aus verschiedenen Gründen. Einige von uns werden zum Beispiel von Rassismus benachteiligt. Wir alle verfolgen das Ziel, rassistische Strukturen aufzudecken und ihnen entgegenzutreten. In diesem Kontext hat uns auch das Thema Entwicklungszusammenarbeit (EZ) schon seit Langem beschäftigt. Was bedeutet EZ eigentlich? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Rassismus und EZ? Was aus der Geschichte des Kolonialismus ist noch heute präsent und machtvoll? Und welche unterschiedlichen Auswirkungen hat dies auf das Leben jedes einzelnen Menschen? Jede_r von uns beantwortet diese Fragen anders, dementsprechend verschieden sind auch unsere Zugänge zur EZ. Ein Teil der Gruppe lehnt EZ und Freiwilligendienstprogramme generell ab, andere engagieren sich in Organisationen mit einer kritischen Perspektive auf das Thema. Die verschiedenen Standpunkte sind vor dem Hintergrund unterschiedlicher Erfahrungen entstanden. Beispielsweise sind einige von uns in Ländern des Globalen Südens aufgewachsen, wohingegen andere im Rahmen eines Freiwilligendienstes erstmals für längere Zeit in ein Land des Globalen Südens gereist sind. Trotz unserer Gemeinsamkeiten und unseren ähnlichen Ansichten haben wir also verschiedene Zugänge zur EZ und zu Rassismus, deswegen spiegeln die Artikel hauptsächlich die Meinungen der jeweiligen Autor_innen wider und nicht notwendigerweise die des gesamten Teams. Dies gilt natürlich auch für die Gastbeiträge.

Über fast ein Jahr hinweg haben wir sehr intensiv zusammen gearbeitet. Nicht nur die Redaktionsarbeit und die inhaltlichen Diskussionen, sondern auch der persönliche Austausch war uns wichtig. Durch die Abmachung offen, ehrlich und achtsam miteinander umzugehen, entwickelte sich eine gemeinsame Vertrauensbasis. In Diskussionen wurden auch unterschiedliche Meinungen respektiert. Wir sind froh, dass wir uns kennengelernt haben und möchten die gemeinsamen Erfahrungen nicht missen.

Die Arbeit an dieser Broschüre war für uns auch persönlich wichtig. Für die Weißen unter uns war es vielleicht mehr ein Erwachen, ein Erkennen und Bewusstwerden über Weißsein und die damit verbundenen Privilegien. People of Color (PoC) dagegen erleben Weiße Räume oft in Verbindung mit Diskriminierung und Unterdrückung. Und das bedeutet einen Kampf im Alltag, um sich gegen Rassismus zu schützen und dagegen stark zu machen. Unsere zentrale Erkenntnis war, dass wir alle, Weiße oder PoC, von Rassismus beeinflusst werden, nur eben auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Wirkungen. Wir sind alle Teil dieser Gesellschaft und stehen deswegen nicht außerhalb von Rassismus und Machtmechanismen. Sie bestimmen sogar nicht selten, wie wir uns untereinander verständigen. Unsere Absicht ist nicht, irgendjemandem die Schuld für diese Realität zuzuschreiben. Wir möchten aber auch niemandem die Verantwortung nehmen. Wir denken, dass wir uns bewusst werden sollten, wie die Geschichte in uns weiter lebt und mit welchen Taktiken gewisse Denkstrukturen bis heute aufrechterhalten werden.

Aus diesen gemeinsamen Denk- und Diskussionsprozessen sind auch die Themen dieses Hefts hervorgegangen. Teil I „Rassismuskritik und Empowerment“ führt in verschiedene Rassismusverständnisse ein, thematisiert Auswirkungen von Rassismus auf unterschiedlichen Ebenen – im Alltag und in Institutionen wie der Schule – und seine Verwobenheit mit Sexismus. Darüber hinaus enthält er auch persönliche Auseinandersetzungen mit Weißen Privilegien und Abwehrmechanismen sowie mit internalisiertem Rassismus und Empowermentstrategien. Teil II stellt unsere Rassismuskritik in einen historischen und globalen Kontext. Hier werden koloniale Spuren verfolgt und koloniale Kontinuitäten in der Entwicklungszusammenarbeit und generell in den globalen (Wirtschafts-)Strukturen aufgezeigt. Weitere Artikel werfen einen kritischen Blick auf die Debatte um arbeitende Kinder und auf die allgegenwärtige Praxis des Tourismus. Teil III unserer Broschüre befasst sich speziell mit den internationalen Freiwilligendiensten. Die Frage, wer überhaupt Zugang zu Freiwilligendiensten hat und sich durch sie angesprochen fühlt, wird ebenso aufgeworfen wie die Frage nach kolonialen Kontinuitäten im weltwärts-Programm. Wir diskutieren die Bildungsarbeit von weltwärts und analysieren die weit verbreitete Praxis von Freiwilligen, während ihres Auslandsaufenthaltes einen Blog zu führen. Schließlich unterziehen wir die Debatte um Reverseprogramme einer kritischen Betrachtung. Teil IV „Work in progress“ soll einige Ausblicke geben, was mögliche Veränderungsprozesse innerhalb mehrheitlich Weißer EZ- und Entsendeorganisationen betrifft. Diese erfolgen aus unterschiedlichen Perspektiven – je nachdem ob es sich um Mitarbeiter_innen der betreffenden Organisationen oder eher Außenstehende, Weiße Personen oder People of Color handelt.

Wir hoffen, dass Ihr euch in der Vielfalt der Themen, die wir ausgesucht haben, wiederfinden könnt, Euch die Inhalte vielleicht einen Denkanstoß geben und Lust machen auf eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema.

Darauf, dass wir auf unser gemeinsames Produkt verweisen können, sind wir ein bisschen stolz. Wir danken allen Personen, die sich auf die eine oder andere Weise an der Aufbereitung der Broschüre beteiligt haben.

Nun wünschen wir Euch viel Spaß beim Lesen!

Das Redaktionsteam: Anna, Annika, Betty, Deya, Dominik, Gül, Julian, Lucia, Mo, Sara

und die Projektleitung: Jasmin und Timo

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